
Der historische Frauenstreik in Island am 24. Oktober 1975 © Snorri Zóphóníasson/Women's History Archives
Der März macht jedes Jahr besonders sichtbar, woran in Sachen Gleichstellung noch gearbeitet werden muss. Equal Pay Day, Equal Care Day, der Internationale Frauentag und in diesem Jahr auch der globale Frauenstreik am 9. März reihen sich in diesem Monat aneinander. Sie rücken Themen wie faire Bezahlung, die gleichberechtigte Verteilung von Sorgearbeit und die gesellschaftliche Verantwortung in den Fokus.
Diese Aktionstage machen auf strukturelle Ungleichheiten aufmerksam, die im Alltag oft untergehen – und sie stoßen notwendige gesellschaftliche und politische Debatten an. Denn fehlende Gleichberechtigung betrifft nicht nur Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder Einkommen. Sie wirkt sich auch ganz direkt auf das alltägliche Leben und die Gesundheit von Menschen aus, die sich jeden Tag um andere kümmern: Mütter, Väter und pflegende Angehörige.
Sorgearbeit ist unverzichtbar – aber ungleich verteilt
Kinder betreuen, Angehörige pflegen, den Alltag organisieren: Care-Arbeit ist eine zentrale Grundlage unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Gleichzeitig ist sie noch immer ungleich verteilt. Frauen leisten durchschnittlich rund 44 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer – etwa neun Stunden pro Woche zusätzlich (Destatis, 2022).
Dabei geht es nicht nur um Zeit. Sorgearbeit bedeutet auch Verantwortung. Wer sich kümmert, organisiert und plant zumeist auch den gesamten Alltag der Familie, denkt an Termine, Bedürfnisse und Abläufe. Dieser sogenannte Mental Load ist oft unsichtbar – aber dauerhaft präsent. Es sind überwiegend Frauen und Mütter, die diese Verantwortung tragen und parallel dazu erwerbstätig sind. Dadurch entsteht eine Mehrfachbelastung, die langfristig gesundheitliche Folgen haben kann.
Wenn Ungleichheit die Gesundheit belastet
Die Folgen von struktureller Ungleichheit zeigen sich in allen Lebensbereichen und in allen Lebensphasen. So bedeutet weniger Einkommen nicht einfach nur weniger Geld jeden Monat. Wenn Frauen weniger verdienen, fehlen Wahlmöglichkeiten, Sicherheit und Zukunftsperspektiven. In Deutschland haben Frauen im Durchschnitt rund 16 Prozent weniger Einkommen als Männer (Destatis, 2025). Besonders stark betroffen sind Mütter: Mit der Geburt eines Kindes vergrößert sich die Einkommenslücke deutlich. Vier Jahre nach der Geburt fehlen Müttern im Durchschnitt fast 30.000 Euro Einkommen im Vergleich zu gleichaltrigen Frauen ohne Kinder (ZEW, 2025).
Was beim Einkommen beginnt, setzt sich bei der Verteilung von Sorgearbeit fort. So entsteht eine Spirale: Wer weniger verdient, reduziert eher die Erwerbsarbeit und übernimmt mehr Sorgearbeit. Dauerhafte Verantwortung für andere, fehlende Erholungszeiten und der Druck, Familie und Beruf gleichzeitig zu organisieren, können zu Erschöpfung, Stress und langfristigen Gesundheitsproblemen führen. Gleichstellung ist deshalb auch eine Frage der Gesundheit.
Aktionstage machen Missstände sichtbar
Genau hier setzen Aktionstage wie der Equal Care Day oder der Frauentag an. Es sind keine Feiertage oder bloße Erinnerungstage. Sie schaffen Aufmerksamkeit für Ungleichheiten und machen deutlich, welche strukturellen Veränderungen notwendig sind.
Der Frauenstreik am 9. März 2026 steht sinnbildlich für etwas, über dessen Konsequenzen wir uns als Gesellschaft selten Gedanken machen: Was würde passieren, wenn diejenigen, die täglich organisieren, versorgen, planen und auffangen, ihre Arbeit niederlegen würden?
Solche Fragen machen sichtbar, wie zentral Sorgearbeit für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist – und wie wichtig es ist, die Menschen zu unterstützen, die sie leisten.
Unterstützung für Menschen in Care-Verantwortung
Als Müttergenesungswerk erleben wir seit über 75 Jahren, wie eng Sorgearbeit und Gesundheit miteinander verbunden sind. Viele Mütter, Väter und pflegende Angehörige kommen in die stationären medizinischen Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen in den Kliniken im Müttergenesungswerk, weil die dauerhafte Überbelastung ihre Kräfte erschöpft hat.
In den Vorsorge- und Rehakliniken im MGW-Verbund erhalten Sorgearbeit Leistende eine ganzheitliche, gendersensible Unterstützung, die ihre Lebenssituation und individuellen Belastungen berücksichtigt. Und der Bedarf ist groß: Rund zwei Millionen Mütter in Deutschland benötigen eine solche Maßnahme.
Gleichstellung stärkt Gesundheit
Eine gerechtere Verteilung von Sorgearbeit und bessere Rahmenbedingungen sind deshalb nicht nur eine Frage echter Gleichstellung, sondern auch eine Voraussetzung für nachhaltige Gesundheit.
Dazu gehören:
- eine faire Verteilung von Verantwortung in Familien,
- verlässliche gesellschaftliche Unterstützungssysteme,
- mehr Anerkennung und Sichtbarkeit von Sorgearbeit sowie
- eine integrierte Gesundheitsversorgung für Menschen in Care-Verantwortung.
Die Aktionstage im März zeigen auf, dass Gleichberechtigung nur durch gesellschaftliches Engagement, politische Entscheidungen und gemeinsames Handeln vorankommt. Für die Umsetzung braucht es unser aller Engagement – jeden Tag. Denn wer täglich für andere sorgt, braucht auch selbst Unterstützung – damit Sorgearbeit nicht krank macht.
Quellen:
Zeitverwendungserhebung (ZVE) des Statistischen Bundesamts (Destatis), 2022/Revidierung Daten 2024
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/Ergebnisse/_inhalt
Statistisches Bundesamt (Destatis), 2025
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/12/PD25_453_621.html
Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), 2025
https://www.zew.de/presse/pressearchiv/einkommensverlust-nach-geburt-weit-hoeher-als-bisher-gedacht