Unsichtbarer Stress: Wenn Mental Load Mütter in die Knie zwingt

Endlose To-do-Listen bei Müttern und die Selbstverständlichkeit des „Kümmerns“ sind oft Stress, den niemand sieht. Laura Fröhlich und der Mental Load.

Vom Familien-Alltag überfordert

Ich saß vor einigen Jahren bei meinem Hausarzt. Rückenschmerzen, Migräne, völlige Überforderung im Alltag und Nervenflattern durch endlose To-do-Listen hatten dazu geführt, dass ich täglich erschöpft und deprimiert war. Wie so viele andere Frauen fühlte ich mich als Mutter von drei Kindern für die Familien-Organisation verantwortlich und managte neben meiner Berufstätigkeit als freie Journalistin unseren Alltag.

Kinderarzttermine ausmachen, Einkaufslisten schreiben, Gemüsekiste zusammenstellen, die Garderobe der drei Kinder in Ordnung halten und tausende andere Dinge hatte ich im Kopf, und Pause machen war kaum möglich. Mental Load heißt die mentale Belastung, die entsteht, wenn die Organisationsarbeit innerhalb der Familie auf nur einem Paar Schultern ruht.

Es gibt zahlreiche Aufgaben auf der Liste, die Mütter im Kopf mit sich herumführen. Besonders stressig ist dabei der Alltagstrott, der dringend und wiederkehrend ist: Die Kinder wecken, sie pünktlich in den Kindergarten bringen, Mittagessen machen, einkaufen, Medienkonsum regulieren, für ausreichend frische Luft und genug Vitamine sorgen und sie in aller Ruhe ins Bett bringen.

Insgesamt sind vor allem Frauen für diese Aufgaben zuständig, und so tragen meist sie den Mental Load einschließlich all seiner Nachteile. Denn wer sich viel kümmert und die unbezahlte (und wenig gewertschätzte) Arbeit zuhause macht, hat nicht nur weniger Geld auf dem Konto, sondern hat auch oft gesundheitliche Probleme, was mir auch der Arzt erklärte, als ich in seiner Sprechstunde saß. Er diagnostizierte einen durch Familienarbeit bedingten Erschöpfungszustand. 

Mama macht das schon

„Mir ist alles zu viel“ ist so ein Satz, der mir immer wieder durch den Kopf ging, im Wechsel mit „wenn ich nicht daran denke, tut es keiner.“ Ich war in die typische Frauenfalle getreten, um die nur die wenigsten Mütter galant herum gehen können, denn wir werden von klein auf zum Kümmern erzogen. „Schreibst du Oma eine Karte, du machst das doch viel lieber als dein Bruder.“ Dieser Satz stammt aus meinem Mund und zum Glück wurde mir sofort klar, dass ich hier meine Tochter ganz stereotypisch erziehe.

Unbewusst erwarten wir von den Mädchen, dass sie an ihre Mitmenschen denken, Streit schlichten, auf den kleinen Bruder aufpassen, sich nicht zu aggressiv und egoistisch aufführen und anderen gerne eine Freude bereiten. Das wird dann schnell zu einer sogenannten selbsterfüllenden Prophezeiung. Außerdem wachsen unsere Kinder mit dem Eindruck auf, dass es eben die Frauen sind, die sich kümmern: Mama schafft zuhause Atmosphäre, denkt an alle Termine und spielt Zahnfee, im Kindergarten und in der Grundschule sind es auch Frauen, die sich um uns kümmern, im Krankenhaus und beim Kinderarzt gibt es vor allem Krankenschwestern und Arzthelferinnen.

So lernt ein junges Mädchen schnell, die Erwartungen auch umzusetzen. Bei ihrem ersten Job kümmert sie sich um die Geschenke für die Kolleg*innen, besorgt einen Blumenstrauß für den Bürotresen und organisiert ein After-Work-Treffen. Wird sie dann eventuell selbst Mutter, nimmt sie länger Elternzeit als ihr Partner und wird in Sachen Kinderbetreuung, Haushalt und Familien-Organisation schnell so kompetent, dass sich schnell alle um sie herum auf ihre patente Art verlassen. So ging es mir und ein paar Jahre später saß ich eben beim Arzt. Er verschrieb mir eine Mutter-Kur und das war eine unglaublich wichtige Erfahrung. Denn endlich lernte ich, dass auch meine Bedürfnisse wichtig waren. Ich sehnte mich nach Ruhe, einem klaren Kopf und Zeit für mich und meine Hobbys.

Die Familienarbeit teilen: so geht’s!

Was mir noch geholfen hat: zusammen mit meinem Mann über die mentale Belastung zu reden, alle organisatorischen Familienaufgaben zusammen zu tragen und neu zu verteilen. Wir haben unsere Kalender synchronisiert und sprechen und mittlerweile jede Woche miteinander ab, welche Termine anstehen und an welche Aufgaben gedacht werden muss. Sich an die To-dos erinnern und sie auch auszuführen gehört zusammen, denn wenn eine den anderen ständig ermahnen muss, doch bitte an das Geburtstagsgeschenk für die Kinderparty am Wochenende zu denken, hört die mentale Last nicht auf.

Ich habe mittlerweile einen Ratgeber geschrieben, der in diesem Sommer im Kösel Verlag erschienen ist, und den es auch als Hörbuch gibt: Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles. Was Eltern gewinnen, wenn sie den Mental Load teilen. Darin erkläre ich, warum wir Frauen uns verantwortlich fühlen, warum uns dabei der Mutter-Mythos im Weg steht, wie wir es schaffen, die Familienorganisation gerechter aufzuteilen und somit den Mental Load zu mindern. Der erste Schritt für Frauen ist dabei zu lernen, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Wie das geht, erfahren sie am bestens in einer Kur, in der man endlich Zeit für sich selbst findet und dem Alltag mit seiner ganzen Organisation für ein paar Wochen entflieht.

Laura Fröhlich ist Journalistin, Bloggerin und Buchautorin. Sie hat den erfolgreichen Blog www.heuteistmusik.de gegründet, der sich mit Mental Load und seinen Folgen auseinandersetzt. Sie hält Vorträge und berät Firmen, Vereine und Privatpersonen und zeigt Strategien und Konzepte auf, um den Mental Load zu reduzieren:  www.froehlichimtext.de 
Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe von Stuttgart.

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