Mütter im Fokus

Um das Land wiederaufzubauen, musste man sich zuallererst um die Frauen kümmern. Die Historikerin Heike Specht über Elly Heuss-Knapp.

Eine First Lady schreibt Geschichte

»Ich mache eine Aktion für die Mütter», schrieb Elly Heuss-Knapp Ende der 1940er Jahre an ihre Freundin Toni Stolper. Die Bundesrepublik war gerade gegründet, die ersten Wahlen noch nicht abgehalten, man munkelte, Theodor Heuss, Vorsitzender der FDP, bekannter Liberaler und Intellektueller aus Weimarer Zeiten, solle erster Bundespräsident werden – aber noch war alles unsicher und zerbrechlich. Wie das Leben der Menschen. Deutschland war geteilt und besetzt, die Bevölkerung desillusioniert, traumatisiert, hoffnungslos, Familien zerrissen, die Städte lagen in Trümmern. Millionen Männer waren in Gefangenschaft, Millionen Frauen verwitwet, hunderttausende Kinder verwaist.

Elly Heuss-Knapp erfüllte die Aussicht, die erste First Lady dieses Gebildes zu werden, das sich Bundesrepublik Deutschland nannte, durchaus mit Sorge. Sie war nicht mehr die Jüngste, gesundheitlich schwer angeschlagen. Und doch war Elly Heuss-Knapp Politikprofi genug, um sofort zu erkennen, was für eine Chance sich ihr bot. Als Erste Dame im Staat, das wusste sie, bekäme sie eine exponierte Stellung, die es ihr erlauben würde, das Thema auf die nationale Tagesordnung zu setzen, das ihr am Herzen lag. Und tatsächlich öffneten sich, kaum war Heuss im Amt, der First Lady Türen und Geldbeutel.

«… dann sähe die Welt anders aus»

Bereits im Juli 1949 hatte Heuss-Knapp bei einer Tagung der bayerischen Wohlfahrtspflegerinnen in Nürnberg Antonie Nopitsch kennengelernt und war »so entzückt wie schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr«. Die Begegnung dieser beiden Frauen war zweifellos eine glückliche Fügung. Beide hatten nicht nur einen ungeheuren Erfahrungsschatz in Sachen Wohlfahrtspflege im Allgemeinen und Familien- und Frauenarbeit im Besonderen vorzuweisen, sie waren auch wild entschlossen, diesen zum Wohl von Frauen einzusetzen – jetzt erst recht.

Nopitschs Idee leuchtete Heuss-Knapp unmittelbar ein. Viel war nach Kriegsende zunächst für die Schwächsten in der Gesellschaft, die Kinder, getan worden. Aber auf den Müttern lastete nicht nur die gesamte Sorge um den Nachwuchs, sie waren auch vielfach diejenigen, die zusahen, dass die Familie finanziell über die Runden kam. Diese ungeheure Kraftanstrengung hinterließ allerdings Spuren und sowohl Antonie Nopitsch, als auch Elly Heuss-Knapp war klar, dass man den Familien vor allem dadurch helfen konnte, indem man sich um die Mütter kümmerte. Über ihren Besuch im Mütterkurhaus in Stein schrieb Heuss-Knapp: »Das ist eines der entzückendsten Häuser, die ich überhaupt kenne. Und wenn es in jeder Stadt zwei so Weibsbilder gäbe wie diese Frau Dr. Nopitsch, die es leitet, dann sähe die Welt anders aus.«

Hilft man den Müttern, hilft man der ganzen Familie

Das Engagement für Antonie Nopitschs Erholungsheime und der Impuls, diese mit der Gründung des Müttergenesungswerkes 1950 im ganzen Land auf tragfähige Beine zu stellen, fügten sich nahtlos in Elly Heuss-Knapps persönliche Biografie, vor allem aber in ihr Lebenswerk, war sie doch bereits im Kaiserreich eine versierte Sozialarbeiterin und -politikerin gewesen.

Ganz bewusst setzte sie mit dem Müttergenesungswerk einen eigenen Akzent. Vehement brachte sie ihre Stimme ein, um einer verunsicherten Nation den Weg zu weisen. Die Sorge um die durch die langen Jahre des Krieges und die Entbehrungen der Nachkriegszeit erschöpften Mütter, so propagierte die First Lady, musste in einer Gesellschaft, die wieder auf die Beine kommen wollte, ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.

So begann die Erfolgsgeschichte des Müttergenesungswerkes, dessen Schirmherrschaft seither die jeweilige First Lady des Landes übernimmt.

 

Heike Specht studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in München. Sie promovierte über die Familie Lion Feuchtwangers und arbeitete mehrere Jahre als Verlagslektorin. Inzwischen lebt die Autorin und Lektorin mit Mann und Tochter in Zürich. Ihr Buch Ihre Seite der Geschichte. Deutschland und seine First Ladies 1949 bis heute erschien 2019 bei Piper, Ende August 2020 erschien es auch als Taschenbuch und ist hier direkt erhältlich.

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