
Me-Time und Selfcare gelten heute als Schlüssel zu einem gesunden Leben. Doch für viele Mütter, Väter und pflegende Angehörige sind sie kaum mehr als ein theoretisches Ideal. Wer dauerhaft Verantwortung trägt, vergisst oft sich selbst. Viele verausgaben sich für Kinder, Familie und Beruf – mit gravierenden Folgen: „Eltern-Burnout“ ist zu einem Modebegriff unserer Zeit geworden. Er bündelt ein diffuses Gefühl kollektiver Erschöpfung und scheint eine schnelle Erklärung für die Überforderung vieler Familien zu liefern. Doch gerade weil der Begriff so eingängig ist, verkürzt er oft die Realität. Er suggeriert ein einheitliches Phänomen – als beträfe es Eltern gleichermaßen und aus denselben Gründen. Genau hier liegt das Problem.
Eltern-Burnout betrifft sowohl Mütter als auch Väter, jedoch unter unterschiedlichen Vorzeichen. Die Unterschiede zeigen sich unter anderem im Erleben der Erschöpfung. Physische und psychische Reaktionen, wie zum Beispiel im Umgang mit Stress, werden von Frauen anders aufgenommen und verarbeitet. Studien weisen darauf hin, dass das so genannte Eltern-Burnout bei Müttern häufiger diagnostiziert wird als bei Vätern. Gendersensibilität bedeutet, genau hinzuschauen: Wen betrifft die Überlastung – und unter welchen Bedingungen? Welche strukturellen Faktoren verstärken sie? Welche Ressourcen fehlen? Es geht nicht um eine abstrakte Anerkennung eines Trends, sondern um die differenzierte Wahrnehmung einzelner Lebensrealitäten. Eine geschlechtssensible Perspektive ist daher notwendig, um Betroffene angemessen zu erreichen, zu entlasten und langfristig vorzubeugen.
Depressionen, Angststörungen, psychosomatische Erkrankungen
Eltern-Burnout ist weiterhin stark tabuisiert, da Elternschaft kulturell mit Erfüllung, Sinn und Dankbarkeit assoziiert wird. Ein zentrales Problem: Viele Betroffene erkennen ihre Belastung zwar, ziehen daraus jedoch keine Konsequenzen. Untersuchungen wie die InterVal-Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums zeigen, dass zahlreiche Mütter und Väter glauben, nicht krank genug zu sein, um sich Hilfe zu suchen – etwa in Form einer medizinischen Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme. Das führt häufig dazu, dass gesundheitliche Probleme chronifizieren, bevor Unterstützung in Anspruch genommen wird. Dabei ist der Bedarf hoch: Laut der InterVal-Studie haben 24 % der Mütter (das sind rund zwei Millionen Frauen allein in der Gruppe der Mütter in Erziehungsverantwortung mit Kindern unter 18 Jahren) und 14 % der Väter einen Bedarf an entsprechenden Maßnahmen.
Die Forschung beschreibt Eltern-Burnout typischerweise anhand von mehreren Kernsymptomen, die multidimensional ausgeprägt sein können. Unter anderem zeigen sich andauernde Erschöpfung, Reizbarkeit, emotionale Leere und chronische Müdigkeit trotz Ruhezeiten sowie der Verlust von Freude an der Elternschaft. Oftmals begleitet von Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen, körperlichen Beschwerden wie Kopf- oder Magenschmerzen. Betroffene fühlen sich oft überfordert, sozial isoliert und distanziert von ihren Kindern und Partner*innen. Hinter dem medialen Schlagwort „Burnout“ stehen somit häufig Depressionen, Angststörungen, Erschöpfungssyndrome oder psychosomatische Erkrankungen.
Aktuelle Daten aus dem Datenreport des Müttergenesungswerks (MGW) von 2024 zeigen: Zu den häufigsten Belastungsfaktoren von Müttern zählen ständiger Zeitdruck (76,6 %), berufliche Belastungen (58,9 %), die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (52,8 %). Bei Vätern stehen ebenfalls berufliche Belastungen im Vordergrund (Berufliche Belastung (78,9 %), ständiger Zeitdruck (71,6 %) sowie Vereinbarkeit von Familie und Beruf (49,5 %)).
Mehrfachbelastung trifft häufiger Frauen
Sorgearbeit ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ungleich verteilt. Mütter und Väter tragen Verantwortung unter unterschiedlichen strukturellen, ökonomischen und sozialen Voraussetzungen. Laut Statistischem Bundesamt leisten Frauen nicht nur rund 44 % mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer – dazu zählen Haushaltstätigkeiten und Kinderbetreuung – inzwischen sind auch knapp
70 % der Mütter minderjähriger Kinder berufstätig. Die Erwerbsquote der Väter ist nach wie vor höher, aber nicht so stark gestiegen wie bei den Müttern. So stieg diese von 88 % auf 92 % im Zeitraum von 2005 bis 2022.
Fehlende institutionelle Unterstützungsangebote, starre Arbeitszeitmodelle, unzureichende Kinderbetreuung – laut dem Institut für deutsche Wirtschaft fehlen bundesweit 300.000 Kitaplätze für unter Dreijährige – sowie der Mangel an familiären Netzwerken verschärfen die Situation zusätzlich. Hinzu kommen Rollenerwartungen, ein hoher eigener Leistungsanspruch, Perfektionismus sowie der ständige Vergleich über soziale Medien, wo besonders Mutterschaft oft als mühelos und harmonisch dargestellt wird. Gleichzeitig fehlt es an gesellschaftlicher Anerkennung und Wertschätzung von Sorgearbeit – sowohl im privaten als auch im politischen Raum.
Typische Belastungen bei Müttern sind die Hauptverantwortung für emotionale und organisatorische Sorgearbeit, eine dauerhafte mentale Präsenz, der sogenannte „Mental Load“, sowie hohe gesellschaftliche Erwartungen an „gute Mutterschaft“. Zur Sorgearbeit zählen die physische Sorgearbeit: Versorgung von Kindern, Pflege bei Krankheit, An- und Ausziehen, Körperpflege, Begleitung sowie Haushaltstätigkeiten mit Kinderbezug.
Auch die mentale Care-Arbeit wie planen, erinnern, organisieren, Termine im Blick behalten vorausdenken und antizipieren von Bedürfnissen, Koordination zwischen Familie, Institutionen und Partner*in und die Verantwortung für das „Funktionieren“ des Familienalltags fallen häufiger in den Arbeitsbereich von Müttern. Der Mental Load läuft permanent im Hintergrund – auch in Erholungsphasen.
Emotionale Care-Arbeit bleibt oft unsichtbar: Ein zentraler, stark belastender Bereich ist die emotionale Regulation der Kinder, das Mittragen von Ängsten, Frustrationen, Wut, Beziehungspflege sowie die ständige emotionale Verfügbarkeit. Mütter übernehmen auch deutlich häufiger die Rolle der „Schnittstelle nach außen“. Zum Beispiel die Kommunikation mit der Kita.
Diese Mehrfachbelastungen betreffen laut einer internationalen Studie der NGO „Make Mothers Matter“ besonders häufig Frauen. Jede zweite Mutter in Europa leidet unter psychischen Problemen wie Angst oder Depression. Zudem zeigen sich stärkere internalisierte Schuldgefühle bei Überforderung. Diese Faktoren begünstigen einen schleichenden Erschöpfungsprozess.
„Realität ist komplexer“
Mütter und Väter erleben Belastungen unterschiedlich. Gesellschaftliche Rollenerwartungen prägen, wie Überforderung wahrgenommen, kommuniziert oder verdrängt wird. Genau hier setzt Gendersensibilität an: Sie bedeutet, Unterschiede nicht zu nivellieren, sondern bewusst wahrzunehmen und in Unterstützungsangebote einzubeziehen. Wenn man Sorgearbeit Leistende gesellschaftlich stärken will, müssen die unterschiedlichen Belastungssituationen von Müttern und Vätern ernst genommen werden – mit ihren Gemeinsamkeiten, aber auch mit ihren klar unterscheidbaren Herausforderungen. Der Begriff „Eltern-Burnout“ fasst diese Unterschiede kaum. Er beschreibt zwar Parallelen zum klassischen Burnout – emotionale Erschöpfung, Distanzierung, verminderte Belastbarkeit –, doch die Ursachen liegen in einem anderen Kontext: nicht primär in einer Workaholic-Dynamik, sondern in der spezifischen, oft unsichtbaren Dauerverantwortung für andere Menschen. Wer wirksam unterstützen will, darf deshalb nicht bei der Sammelbezeichnung stehen bleiben. Nur eine gendersensible Perspektive ermöglicht passgenaue Maßnahmen.
„`Eltern-Burnout` suggeriert eine homogene Gruppe mit vergleichbaren Herausforderungen. Die Realität ist jedoch komplexer. Mütter und Väter erleben Sorgearbeit unter unterschiedlichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen. Sorgearbeit ist in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht gleich verteilt. Frauen übernehmen weiterhin den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit – mit allen physischen, psychischen und ökonomischen Konsequenzen. Wer diese Unterschiede unter einem Sammelbegriff zusammenfasst, läuft Gefahr, strukturelle Ungleichheiten unsichtbar zu machen – und damit auch geschlechtsspezifische Gesundheitsrisiken und Versorgungsbedarfe von Müttern und Vätern zu verkennen“, sagt Rebekka Rupprecht, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks (MGW).
Maßnahmen zur Prävention
Angebote zur physischen und psychischen Gesundheit, eine strukturell verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf und flexiblere Arbeitsmodelle. Parität auf der einen Seite, Wirksamkeit von Vorsorge- und Reha-Maßnahmen auf der anderen.
Besonders die Wirksamkeit von Vorsorge- und Reha-Maßnahmen ist belegt, unter anderem durch die InterVal-Studie, Untersuchungen des Forschungsverbunds Familiengesundheit an der Medizinischen Hochschule Hannover sowie internationale wissenschaftliche Publikationen. Die Maßnahmen setzen ganzheitlich an: Medizinisch, psychologisch und sozial, sie berücksichtigen die individuelle Lebensrealität der Betroffenen. Viele Betroffene berichten noch Monate nach der Maßnahme über verbesserte Stressbewältigung, stabilere psychische Gesundheit sowie ein verändertes Gesundheitsverhalten.
„Unser Ziel ist es, die Gruppe der Sorgearbeit Leistenden gesellschaftlich anzuerkennen, ihre Leistungen sichtbar zu machen und über Gesundheitsrisiken und -probleme, die aus der Belastungssituation entstehen können, aufzuklären. Das bedeutet auch, geschlechtsspezifische Unterschiede ernst zu nehmen – nicht um zu trennen, sondern um gerechter zu unterstützen. Gendersensibilität ist daher kein ideologisches Zusatzthema, sondern eine fachliche Notwendigkeit. Das zeigt sich im Bereich der Gendermedizin allgemein und spezifisch in den ganzheitlichen Unterstützungsangeboten im MGW. Im Müttergenesungswerk arbeiten wir gendersensibel, weil wir wissen: Bestimmte Belastungsparameter sind ähnlich – Erschöpfung, Dauerstress, fehlende Erholungsphasen. Doch die Lebensrealitäten dahinter unterscheiden sich. Erkenntnisse aus der Gendermedizin zeigen, dass Körper und Psyche von Frauen und Männern unterschiedlich auf Belastungen reagieren und gesundheitliche Probleme unterschiedlich verarbeiten bzw. angehen und bewältigen können. Während die grundlegenden therapeutischen Prinzipien – etwa Entlastung, Ressourcenstärkung oder Stressreduktion – für beide Geschlechter gelten, müssen Maßnahmen kontext- und gendersensibel ausgestaltet werden. So suchen Frauen häufiger aktiv das Gespräch und vernetzen sich schnell im direkten Austausch, während Männer sich oftmals indirekter öffnen – etwa im Rahmen gemeinsamer Aktivitäten. Das sehen wir auch in den Maßnahmen. Entsprechend unterscheiden sich auch Gruppendynamiken, Kommunikationsformen und Zugangswege. Eine wirksame Versorgung berücksichtigt diese Unterschiede und holt Mütter und Väter jeweils dort ab, wo sie mit ihren Bedürfnissen, Perspektiven und Ressourcen stehen. Diese Unterschiede zu erkennen und in den medizinischen Maßnahmen zu berücksichtigen, ist der springende Punkt“, so Rebekka Rupprecht.
Der Begriff „Eltern-Burnout“ mag eine gesellschaftliche Debatte anstoßen. Wenn aber Menschen in spezifischen Lebenssituationen wirksam unterstützt werden sollen, müsse man differenzieren, so Rupprecht.
„Wenn wir wirklich helfen wollen, dürfen wir nicht bei Schlagworten stehen bleiben. Wir müssen genau hinschauen: Wen betrifft es – und unter welchen Bedingungen? Nur wenn wir den einzelnen Menschen in seiner konkreten Lebensrealität wahrnehmen, können wir passgenaue Unterstützung entwickeln“, betont Rebekka Rupprecht.
Aus Sicht des Müttergenesungswerks brauche es eine differenzierte, medizinisch fundierte und gesellschaftlich verantwortliche Einordnung des Phänomens – sowie politische und strukturelle Veränderungen, die Eltern, insbesondere im Rahmen der individuell angepassten Maßnahmenangebote im Gesundheitsbereich, nachhaltig entlasten. Gesundheit sei keine Privatsache, sondern eine zentrale Voraussetzung für das Wohlergehen von Familien und Kindern, betont Rupprecht.
Autorin: Sina Rühland